Digital Library von Amber Case (Licence: CC BY-NC 2.0)

Gefühlt hatte nun jede Verwaltung – ob Stadt oder Land – ihr Erweckungserlebnis und entdeckt den Problemkreis Digitalisierung für sich. Das ist gut so und wichtig. Denn die digitale Sau, das angesagte Buzzword, hat Bedeutung für unsere Gesellschaft. Wenn Politik, Verwaltung und Gesellschaft diese Bedeutung nicht erkennen, dann ist das blöd für unser Land.

Wo der eine noch meint, dass Digitalisierung das Scannen und Speichern eines Geschäftsbriefs bedeute, diskutiert der andere schon über ganz andere Themen. Am Rande bemerkt: Genau dieses Mehrdeutigkeit ist schon die Hürde, um den Menschen dieses Thema nahezubringen.

Digitalisierung allerorts

Allgemein versteht man darunter die Veränderung unseres Umfeldes durch und mit computer- und softwarebasierten  – also digitalen – Werkzeugen.

Das hat viele Facetten:

  • Unternehmen produzieren nicht mehr wie gestern in Masse und auf Vorrat, sondern müssen flexibel auf schnell veränderliche Märkte reagieren. „Losgröße 1“ ist das Ziel und meint das Produzieren eines individuellen Produktes für einen einzelnen Kunden – bei gleichzeitigem Industrialisierungsgrad der Massenproduktion. Das nennt sich Industrie 4.0.
  • Arbeitnehmer arbeiten schon lange nicht mehr lebenslang bei Siemens oder auf der Werft. Arbeitnehmer sollen flexibel werden, Standorte wechseln, von zuhause arbeiten, nicht mehr in lokalen, sondern verteilten Teams arbeiten, allgemein agiler und dabei noch produktiver werden. Arbeit 4.0!
  • Die Kommunikation mit den Bürgern wird immer digitaler. Viele wollen nicht mehr ins Rathaus, eine Nummer ziehen und warten, nur um einen neuen Wohnort anzugeben oder einen Ausweis zu beantragen. Das sollte doch per Internet besser gehen! Prozesse innerhalb der Verwaltung sollen automatisch, nachvollziehbar und transparent ablaufen. Das alles ist dann Verwaltung 4.0.
  • Daten werden mehr und mehr erfasst. Die Möglichkeiten dieser Daten sind riesig und gefährlich. Welche Daten darf man sammeln, welche muss man schützen? Was ist die Privatsphäre heute noch wert, fragt der Datenschutz 4.0.

Vier punkt null allerorten. Wenn man es so betrachtet, dann heißen das Ziel und die Aufgabe „Gesellschaft 4.0“.

Schöne neue Zukunft

Viele von uns stellen sich die Zukunft wie das Smartphone in der Hand vor. Schick, dynamisch, modern und voller hilfreicher Dinge. Und wir freuen uns auf diese Zukunft; das Leben als App. Apple regelt die Verwaltung, Uber den ÖPNV,  Google stellt die Autos. Alles chic.

Aber Chic ist nicht immer sinnvoll und selten ausreichend. Was kommt kommt davor was danach? Was ist post-chic (Achtung:  Dies ist ein legitmer Versuch ein neues Zauberwort zu schaffen? Bitte häschtäcken.) Über den möglichen Zusammenbruch solidarischer Systeme habe ich bereits geschrieben. Ich kann dem nichts hinzufügen. Die Sorge bleibt, und du liest darüber in einem älteren Text.

Über einen anderen Bereich der Digitalisierung Bereich möchte ich heute schreiben, Mobilität 4.0.

Unterwegs mit Vier-punkt-Null

Ich persönlich möchte kein Auto mehr haben, brauche es jedoch beruflich. Ich habe nicht die Wahl. Hätte ich sie, würde ich auf ein Mobilitätskonzept aus Fuß, Fahrrad, ÖPNV und Carsharing setzen. Es ist eine ewige Diskussion mit den Freunden, denn meistens ist denen das Auto wichtig, sind halt alle auch was älter.

Und jaaaaaaaaa, wenn du auf dem Land wohnst, dein Beruf es fordert oder du ein Rennfahrer bist, dann brauchst du auch weiterhin dein Auto. Ich weiß das! Aber du musst wissen, dass individuelle Probleme noch nie einen Trend aufgehalten haben.

vier von montillon.a (Licence: CC BY 2.0)

Was passiert in der mittelfristigen Mobilitätszukunft? Der Individualverkehr wird sich reduzieren. Autonomes Fahren wird zunehmen. Das entspricht den Erwartungen des Marktes. Vielen jungen Leute ist das Auto nicht mehr wichtig, es ist kein Statussymbol mehr wie vor 30 Jahren. Die Jungen wollen nur schnell und komfortabel von A nach B kommen.

Gibt es erst mal die autonomen Fahrzeuge, ergibt es keinen Sinn mehr, dass jeder eines hat. Ich bestelle per App das richtige Auto. Es ist in 5 Minuten vor der Tür und bringt mich dahin, wohin ich möchte – und das auch noch kuschelig vorgeheizt. Wenn ich ausgestiegen bin, fährt es weiter. Es steht nicht rum und ist immer im Einsatz, denn viele nutzen dieses System. Unsere heutigen Autos stehen meistens rum und sind eher selten im Einsatz. Ineffizient. Die Straßenränder und Parkplätze sind voll von nicht fahrenden, die Straßen von fahrenden Autos. Wir haben ja so viele davon und brauchen sie, denn die meisten von uns fahren alleine von A nach B.

Was würde nun passieren, wenn wir ein autonomes Transportsystem hätten?

Carsharing mit Autopilot ohne Lenkrad? Diese Zukunft wird kommen, innerhalb der nächsten 10 Jahre.

Und wenn sie dann da ist, brauchen wir nur noch einen Bruchteil aller Autos. Statt vieler Autos, die wenige nutzen, haben wir dann wenige Autos, die viele nutzen. Die Branchen sprechen tatsächlich von 80 % weniger Fahrzeugen. Anders gesagt, auf den Straßen von morgen fährt nur noch ein Fünftel aller heutigen Autos! Die Straßen können schmaler werden, die frei werdenden Flächen begrünt. Die Auswirkungen auf die Umwelt wären sensationell, 80 % weniger Kohlendioxide und Feinstaube.

Die Sicherheit im Straßenverkehr wäre deutlich erhöht, denn eines ist klar: Autonome Autos sind um vieles sicherer. Der Computer ist nicht alkoholisiert, abgelenkt, müde oder reaktionslahm. Der Autopilot ist schneller, er denkt und sieht weiter. Jedoch, im computerkontrollierten sind dann menschgesteuerte Personenkraftwagen unkalkulierbar. Diese sind eine Risiko und müssten also zumindest innerorts verboten werden.  Umweltzone 4.0.

Die Kosten für das Auto wie Anschaffung, Wartung, Versicherung und Treibstoff entfallen. So ohne Auto haben wir richtig viel Geld übrig und stecken davon vielleicht wieder ein wenig in das Mobilitätssystem. Der Großteil aber bleibt in unserem Portemonnaie.

Das ist doch mal eine Utopie! Oder nicht?

Ja, Nein, Doch. Welche Auswirkungen hätte das denn?

Taxis! Taxis braucht dann wirklich keiner mehr. Taxifahrer ist ein Job ohne Zukunft. Tankstellen und Autowaschanlagen sind obsolet. KFZ-Versicherungen genauso. Der ADAC kann zu einem IT-Dienstleister werden. Fahrschulen werden zu Segelschulen, aber nur an der Küste. VW, BMW und Opel gehen pleite oder müssen zumindest stark reduzieren. Sie verkaufen im besten Fall noch 20 % ihrer Autos, wenn überhaupt. Die ganze Zulieferindustrie … gecrasht.

Die USA und die Asiaten sind natürlich auch nicht doof (sogar schlauer) und planen schon seit Jahren solche Systeme, während die deutschen Autobauer noch den nächsten größeren Wagen planen. Gibt es keinen Individualverkehr im Privatbesitz, sind die Sportlichkeit von BMW, die gute Marke von VW und das Sicherheitsgefühl von Volvo nichts mehr wert. Wenn nur noch 10 % aller Autos gebaut werden, muss die Autoindustrie hunderttausende Arbeitskräfte freisetzen. Einzige Nische: Autos werden zum Freizeit- und Sportgerät und folgen so dem Pferd. Hüaaaa….

Das ist jetzt doch nicht so schön! Eine graue Dystopie! Und überhaupt, Pferde….

Was tun wir?

Wer jetzt eine umfängliche Antwort erwartet, den muss ich enttäuschen. Ich habe sie auch nicht, niemand hat sie vermutlich. Was ich habe, ist eine Prognose: „Es wird so kommen! Erster vollautonomer Individualverkehr in 5 Jahren, synchrononisierter Massenverkehr in 10 Jahre, Verbot des Selbstfahrens im Innenstadtbereich in 20 Jahre.“

Ich denke, Regierung und Verwaltung, Industrie und Verbände und wir alle müssen aufpassen, dass uns diese Entwicklung nicht durch die Finger rinnt. Hunderttausende Arbeitsplätze werden verschwinden. Die Menschen brauchen eine Aufgabe. Hier setzt auch Arbeit 4.0 ein und muss Antworten liefern. Unsere Verwaltung muss sich modernisieren und auf die neue Gesellschaft vorbereiten. Aber insbesondere unsere Auto-Industrie muss aufpassen, dass  sie nicht  versagt. Liebe VW, deine Gegner heißen nicht Toyota oder Ford? Deine Gegner heißen Google und Tesla.

Aber Achtung! Wir sind nicht das Sillicon Valley. Wir sind wir und das ist nunmal anders.

Drum brauchen wir neue Propheten, die uns begleiten. Einen deutschen Elon Musk zum Beispiel, ein deutsches Google. Die Autolobby wird uns nicht helfen, sie will nur das Alte bewahren. Doch wenn wir alle anfangen, das Neue zu denken und Ideen dazu zu entwickeln bzw. zu verbreiten, wird Mobilität 4.0 schneller da sein, als es ein Lotus von 0 auf 100 schafft.

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